Heinzhalter

Februar 4, 2009

Zur Arbeit latsche ich immer über so eine glamouröse Einkaufstraße. Das einzige, was man dort als krisenverdächtig bezeichnen kann, ist man immer noch so vielen Frauen begegnet, die sich ihre Jeans in die hohen Stiefel stopfen. Warum wollen sie alle so aussehen, als kämen sie gerade vom Ponyhof?
Auch sonst weist nichts auf Krisenstimmung hin. Im Gegenteil. Ich gehe zu Beispiel immer an einem interessanten Lädchen vorbei. Die verkaufen so Silberzeug, das dann wahrscheinlich in kleinen Einfamilienhäusern landet und an dem sich die gelangweilten Hausfrauen, von 3er BMW fahrenden Zahnärzten erfreuen, die Besenkammersex mit heißen Sprechstundenhilfen haben. Und das während die Hüterin des Hauses ihre Kinder einem monströsen schwarzen Ford Kuga in die Kindertagesstätte karrt und danach drei Stunden einen Parkplatz sucht, um bei einer Freundin noch auf ein Tässchen Tee reinzuschneien.

Naja.  Zurück zum Silbershop. Ich habe mich morgens auf dem Weg zur Arbeit lange Zeit an einem silbernen Ketchupflaschenhalter erfreut und war ganz betrübt, als dieses Highlight der Sinnlosigkeit, zum lächerlichen Preis von 490 Euro  aus dem Schaufenster verschwunden war. Ich hatte Schwierigkeiten eine Schublade für die Zielgruppe eines solchen Objekts zu finden.
Wer ist Heizketchup-Fan? (Der Halter war eigens für die typische Heinzflaschen-Form konzipiert). Wer ist also so regelmäßig Heinz-Ketchup, und braucht dazu nur noch einen Halter aus Silber für 490 Schleifen? Wer isst Ketchup und kauft sich dazu kein I Phone sondern ein Heinz-Etui? Ich kam einfach nicht drauf?

Aber jetzt. Endlich weiß ich, dass es diese Person gar nicht gibt. In Zeiten in denen die Shoppingmoral immer weiter in den Abgrund schliddert und man sich als Verkäufer genau überlegen muss wie man die Leute in sein Silbergeschäft lockt, klärt sich die Frage: Warum ein scheiß I Phone kaufen, wenn es Ketchup-Halter gibt?
Denn: auf einmal steht das Ding wieder in der Auslage. Es wurde nie verkauft. Bin ich froh. Und diesen Silber-Shop-Auslagen-Gestalter sollte man loben. Man muss ja gucken wo man bleibt.  Ich finde es eine sehr feinfühlige Geste in diesen Zeiten die Leute mit einem sinnvollen Gegenstand zu verleiten, ihre Portemonnaies von langweiligem Geld zu befreien.

Dieses Jahr passiert endlich mal was Neues. Denn diesmal hab ich mich nicht in einen dieser unnahbaren, irrsinnig coolen Typen verliebt, die so cool sind, dass sie sich noch nicht mal dazu eignen näher kennen gelernt zu werden. Und wobei außer wildem Sex nichts rauskommt, außer vielleicht eins dieser emotionalen Verlustgeschäfte, bei denen man sich fragt, wie grenzenlos sich die eigene Unzurechnungsfähigkeit entfalten kann, nur weil man mal guten Sex hat.
Nein. Diesmal lief der Laden anders. Diesmal hab ich mich ganz einfach und anfangs scheinbar sinnvoll verliebt. Und!!… Es war wirklich einfach. Dafür musste ich nicht mal aufgebrezelt an den Bürotüren irgendwelcher Freelancer vorbeihuschen oder mich zu sonntäglichen Eisessaktionen in knappen Sommerkleidchen aufraffen. Sondern nur entsetzlich erkältet mit zwei, vermutlich durch eine Überdosis Weihnachtsbraten und Knödel entstandenen, riesigen Pickeln am Kinn im Bett liegen. Während sich mein Gesicht durch mangelhafte Brauchbarkeit von Klopapier zum Naseputzen immer intensiveren Farbkompositionen zugewandt hat, gerieten meine Gefühle in den Bann von Emails. Dem neuen MacBook mit funktionierender Airport-Funktion sei Dank.
Statt mit dem schönen, schwarzen MacBook mal meine Mappe vorzubreiten, um der unangenehmen Panik entgegenzuwirken, die es sich neuerdings dauernd in meinen Gedanken gemütlich macht, wenn ich die Möglichkeit der Nichtverlängerung meines Arbeitsvertrags in Betracht ziehe. Ja, statt irgendwas lebensverbesserndes zu tun, habe ich mir so ein dämliches Flirtprofil auf eine Freakplattform im Internet erstellt, die einem dabei behilflich sein kann ein eigentlich entspanntes und gut funktionierendes Singledasein zu beenden.  Der absolute Mist also.
Und es wurde noch viel schlimmer und sinnloser! Denn wenn man erst Mal denkt einen super Mann gefunden zu haben, weil man ja immerhin glaubt, einem attraktiven Foto und ein paar gut geschriebenen, sehr humorvollen Emails vertrauen zu können, dann muss man irgendwann nur losgehen und sich treffen. Um das Glück sozusagen zu besiegeln….
Was aber gar nicht so einfach ist, wenn man Jemanden trifft, der …. also leicht, … also sagen wir mal in seinem Verhalten recht feminin ist (was bewirkt wohl so was im Bett?), drei Kinder hat (was ja nicht so wild ist) und Janis Joplin hört (was absolut unzumutbar ist).
Wenn dann man dann aber noch eine Wohnung betritt, eine mit kuscheligen, roten Kissen überzogene Chilloutzone mit Lichterketten! – Dann muss man sich nicht nur über die eigene Unzurechnungsfähigkeit wundern.
Entsetzlich! Wenn es irgendwas gibt was ich wirklich hasse, dann ist es Dekoration! Man kann ja mal eine Blume irgendwo hinstellen. Warum auch nicht. Aber rote Ranunkeln aus Plastikfolie, die klebt man sich doch nicht an die Wand. Das geht doch nicht. Und als Mann schon gar nicht. Diese schlimmen Zeiten sind doch vorbei. Diese Zeiten mit sechseckigem, schwarzen Geschirr, Bruce Webber –Fotografien, und Joy-Gläsern, die man nicht benutzt sondern mit Rosa-Wölkchen-Plastik-Umrührstäbchen im Regal gut sichtbar verwahrt. Damals verlief ein Gespräch in der Küche so: „Ich nehm mal n Glas – ja?“ „Ja klaro! Aber keins von den Joy-Gläsern. Die sind nicht zum Trinken. Die sind von Leonardo.“
Und wenn’s heute so aussieht, wie damals in der Küche, dann verlaufen Gespräche so: „Willst du n Glas?“ Nee danke. Muss jetzt wirklich schnell los. Ich hab wahrscheinlich die Herdplatte angelassen!“

sowas…

November 17, 2008

Ich bin erstaunt! Manchmal kommt ja alles ganz unerwartet. Erst jahrelang rumstudieren und kaum arbeitet man ein bißchen, schon ist es soweit…. Plötzlich muss man sich Namen ausdenken. Das ist schon was. Und gar nicht so einfach. Denn es gibt unendlich viele Einschränkungen. Man kanns ja nicht einfach nennen wie man will. Man muss schon gucken, dass der Name auch passt. Und man will natürlich auch verhindern, dass so ein Name schon nach drei Jahren veraltet ist oder sogar total peinlich. So wie Lava zum Beispiel. Lava ist wirklich ein total bekloppter Name. Viel zu langweilig. Unisex muss es natürlich auch sein. Man will ja schon mit der Zeit gehen! Und wenn man dann endlich einen hat, findens alle Leute scheiße. Hoover fand ich ja ganz gut. Ging aber nicht. Gabs schon… Für ein anderes Produkt… Ja Produkt. Ich musste mir den ganzen Tag Namen für eine Waschmaschine ausdenken. Den ganzen Tag! Das kommt davon, wenn man nicht aufpasst. Und so einen Quatsch als Arbeit hat. Schon hat man nur noch Maschinennamen im Kopf. Und nicht nur das. Mein Kopf ist außerdem voll mit grauenhaftem Schupfen.

Also. Versuch einer Deutung des bekloppten Zeitungstraums: Es könnte heißen, dass ich Angst davor habe, etwas nicht dort zu finden, wo ich danach suche. Und nach etwas irgendwo zu suchen, wo man es nicht finden kann, obwohl man glaubt, dass es dort sein müsste, ist wirklich verschwendete Energie.
Es wäre ja blöd auf total verlorenem Posten zu stehen und das noch nicht mal zu merken. Sowas kommt ja durchaus oft vor. Meine Tante zum Beispiel erhofft sich Zufriedenheit durch den Erwerb besonderer Teesorten, die Glück oder Entspannung verheißen. Und sie kauft ständig verschiedene Düfte, die man in Wasser tröpfelt und in handgetöpferten Lämpchen erhitzt. Und die dann durch Einatmen, die gewünschte seelische Verfassung herstellen. Grünes Currylaub-Öl gegen Depressionen oder so was..
Und schon bin ich mal wieder dabei über Zufriedenheit und solche Sachen nachzudenken. Mist. Aber egal. Ich hab gar keine Ahnung, ob man überhaupt anfangen sollte nach so was zu suchen. Eigentlich besser nicht. Jedenfalls schon gar nicht da, wo es nichts bringt. Also Zufrieden ist man wahrscheinlich dann, wenn man morgens aufwacht und sich denkt: Na. Der Tag könnte gut werden, weil er ungefähr so ist, wie man sich einen guten Tag vorstellt. Naja. Bei mir ist das nicht so. Damit wäre schon mal geklärt, dass ich keine Zufriedenheit aus der Festanstellung in einer Werbeagentur beziehe. Am Anfang dachte ich es wäre vielleicht möglich. Aber inzwischen eher nicht. Dennoch freu ich mich immer schon auf die Mittagspause. Das sind schon mal fünf, nein ich bin ehrlich: Es sind acht Stunden die Woche der vollkommenen Zufriedenheit. Plus die Wochenenden (wenn sie mir nicht aufgrund von wichtigen Katzenfutterpräsentationen durchkreuzt werden). Was bedeutet, dass ich immerhin schon mal knapp ein drittel meiner Zeit einigermaßen glücklich bin. Hmm.
Es gibt ja sonst noch die Theorie, dass Sex zu einem zufriedenen Leben gehört. Aber nach Sex zu suchen macht wenig Sinn. Der kommt einfach. (oder auch lange nicht) Aber danach suchen geht auf jeden Fall nicht. Das geht meistens ganz schlimm nach Hinten los. Aber es stimmt, dass sich Sex sich sehr positiv auf das alltägliche Leben auswirkt.

Neulich hatte ich Sex und ich weiß, dass ich noch die nächsten Jahre davon profitieren werde. Es war nämlich etwas ganz Besonderes: Total besoffen,… nach einer Party,…mit einem Exfreund… . Die drei ganz sicheren Garanten für richtig guten Sex… .
Und es hat ungefähr fünf Minuten gedauert in denen keiner von uns im Stande gewesen wäre meinen Tampon zu entfernen. Aber es hat mein Leben verändert, denn ich habe nicht an die Decke geguckt, sondern auf die Matratze. Jawohl auf die Matratze. Und das war das Gute daran. Ich habe so gut geschlafen, wie die Prinzessin ohne die Erbse. So gut wie ich schon lange nicht mehr geschlafen habe. Und deswegen habe ich mir am nächsten Tag den Namen der Matratze gemerkt, die ich dann sofort vier Mal bestellt habe. ( ja! vier Mal! 899 Euro!!! Dazu kann ich nur sagen, dass es sich auf jeden Fall lohnt zu warten, bis man nicht mehr zu besoffen ist, bevor man irgendwelche Aktionen auf Ebay durchführt.) Aber in ein paar Tagen wird eine der bestellten Matratzen hier ankommen. Und das ist auf jeden Fall ein Schritt zu einem besseren Leben, nachdem ich die letzten fünf Jahre auf einem durchgelegenen IkeaFuton gepennt habe, das soviel Liegekomfort hatte wie eine Isomatte. Aber zum mangelnden Komfort meiner Wohnung ein andermal. Denn das ist auf jeden Fall kein Angriffspunkt auf der Suche nach was auch immer.

bekloppt

November 15, 2008

Oh GottoOhgottohgott! Meine Sorgen möchte ich haben. Jedenfalls käme ich mit dem Problem klar, dass heute Nacht in einer Art Alptraum unglaublichen inneren Stress ausgelöst hat. In diesem Traum hat mich eine etwas überproportionierte Verzweiflung ergriffen, nur weil ich in der Wochenendausgabe der Süddeutschen den Wochenendteil nicht finden konnte. Jetzt frage ich mich natürlich was das hinsichtlich meiner Wachzustandpsyche zu bedeuten haben könnte. Wenn man im Traum durchdreht, weil man den bestimmten Teil in einer Zeitung nicht finden kann. Was ist dann sonst mit einem los?

Finanzamt

November 14, 2008

Vielleicht war es doch zu was Nütze; das ganze Studium. Ich hab zwar keine Ahnung was der Typ gemacht hat, um sich die Qualifikation zu erwerben im Finanzamt in einem gelblichen Raum zu sitzen, der natürlich durch eine dezente SWR1-Geräuschkulisse hinterlegt sein muss. Aber ich würde nicht gerne tauschen. Dieser Mann leidet jetzt richtig. Sein Räumchen ist zwar erheblich kleiner, als 75 Quadratmeter, und es wird dort noch nicht mal gekocht oder gegessen, aber Rauchen darf der arme Mensch dort trotzdem nicht mehr. Obwohl das geruchsmäßig nicht relevant wäre. Denn bis der Dunst dort irgendwann aus den Wänden, den Gardinen und den graugrünen Teppichen gekrochen wäre, müssten mehrere Jahrzehnte vergehen. Und dieser arme Mann sitzt nun da und zuckt vor Aufregung im zehn-Sekundentakt mit seinen Lidern, weil er am Tag vielleicht mal ein oder zwei Streuererklärungen entgegennehmen muss und solange dann nicht raus und rein rennen kann, um zu Rauchen. Das ist dann sehr ärgerlich für ihn. Glücklich ist er erst wieder, wenn sich die Bürotür hinter so einem nervigen Rauchzeitverkürzer, der seinen Haufen ungeordnete Steuerangelegenheiten auf die vergilbte Resopalplatte des Schreibtischs gelegt hat, endlich wieder schließt. Dann atmet er tief durch. Und während seine Lungen so klingen wie ein Würfelbecher, wirft er mal schnell einen Blick auf die Wanduhr, die paradoxerweise eigentlich eine überdimensionale bunte Armbanduhr ist, obwohl sie ja an der Wand hängt. Für diese verrückte Uhr bräuchte man Handgelenke so dick wie Traktorreifen. Von diesem kleinen Scherz der Wanduhrengestalter der achtziger Jahre, liest er dann erleichtert irgendeine Uhrzeit ab und denkt erleichtert: „Hach, genau der richtige Zeitpunkt um eine Rauchen zu gehen.“
Wenn aber genau dann ein leises Klopfen an seiner Tür zu hören ist und sich genau dann vorsichtig die Tür öffnet… weil sich genau dann jemand eingefunden hat, um ausgerechnet jetzt die zweite Steuerklärung anzuschleppen, die im laufe des Vormittags abgehandelt werden muss. Ja dann ist es auf jeden Fall der falscheste Zeitpunkt, der von einer gigantischen Monumentalarmbanduhr jemals abgelesen wurde. Ich glaube, dass ich nie eine genervtere Person in meinem Leben gesehen habe, als diesen älteren Mann im Finanzamt heute. Man weiß jetzt nicht wie viel mich das Kosten wird die Nummer 213 gewesen zu sein. Das war die Nummer auf dem Zettel den ich aus dem Wartenummernautomat gezogen hab, obwohl gar keine Leute da waren, weswegen man hätte warten müssen. Aber die Nummer musste schon gezogen werden, weil man ohne Nummer nicht dran kommt. Klar.
Jedenfalls hatte ich das Gefühl, als ich den Raum Nr. 1 betrat, dass es auf jeden Fall gut ist die Klappe zu halten und zu warten, was der zuckende und röchelnde Finanzbeamte sagt. Und wenn er eine Frage stellt, dann lieber nur ganz kurz und knapp antworten, dachte ich mir. Und dann habe ich auch lieber auf alle Fragen verzichtet, die ich zu den Rechnungen hatte, die in der Anlage N nicht standardmäßig aufgetaucht sind. Wirklich. Es kam mir so vor, als quälte ich ein Tier. Durch meine bloße Anwesenheit.
Wahrscheinlich hätte ich noch ein paar Euro herausschlagen können. Aber nicht durch wortloses Anstarren des Wasserspiels auf der Fensterbank. Dieses stand neben ein paar armseligen Grünpflänzchen, die ihr Leben in Hydrokultur verbringen müssen und deren Chlorophyll durch das Einatmen unendlicher Mengen Reval ohne Filter in den letzten dreißig Jahren vermutlich so toxisch ist, dass man daraus ein hochwirksames Massenvernichtungsmittel herstellen könnte.
Jedenfalls hab ich jetzt die Steuerklärung hinter und außerdem kommt es mir so vor, als gäbe es Leute, die mit noch wesentlich mehr Widerwillen jeden Tag zur Arbeit gehen als ich. Und dass es noch wesentlich härtere Ausmaße von Bürodunst gibt, als den der entsteht, wenn der Artdirektor gegenüber sein Sportzeug auf der Heizung trocknet. Hab ich das gut! Eigentlich.

Generation Pappkarton

November 5, 2008

Da ich gestern Abend Hunger hatte, beschloss ich etwas zu essen. Leider wäre es nötig gewesen das Geschirr abzuwaschen, um selber etwas herzustellen.  Deswegen entschied ich mich für den einfachen und leckeren Weg. Pizza holen.
Der Regen tropfte nun auf den warmen, gut nach Knoblauch und Pappe duftenden Pizzakarton, den ich vor mir her trug. Und es war dunkel. Genau richtig. Wenn man klamottenmäßig ungefähr so wie die Mutter der Flodders durch die Gegend zieht, fühlt man sich wohler, wenn´s nicht so hell ist. Gemütlich dachte ich so vor mich hin. Und bei der genaueren Betrachtung der Situation, fand ich es schade, dass man eine Wohnung, die einem gerade auf die Nerven geht, einfach so verlassen kann, aber eine Werbeagentur in der man arbeitet und die einen noch viel mehr Nerven kostet, als etwas Dreck in der Wohnung, nicht. Ich fragte mich wiso ich nicht von dem Dreck in meiner Wohnung bezahlt werde, statt für den Dreck, den ich bei der Arbeit mache.

Und dann dachte ich darüber nach, wie es alles angefangen hatte und dass ich da eher unabsichtlich reingestolpert war. Eigentlich, weil es die nahegelegenste Möglichkeit war Geld zu verdienen nach dem Studium. Von meinem Ersten Tag an der Uni bis zum Diplom steigerte sich die Leistung von Digitalkameras von einer Million Megapixeln auf sieben Millionen Megapixel.  Und nach dieser langen Zeit verabschiedete mich mein Professor mit einem irgendwie wie ich finde, na sagen wir mal, unüblichen Satz, in das Leben, was sich durch ein festes Monatseinkommen auszeichnen würde. Er sagte: „So. Und dann tun Sie mir mal einen Gefallen: Dann lassen Sie sich bitte nicht schwängern. Das ist nämlich eine Werbeagentur.“
Der hat sie ja nicht mehr alle, dachte ich und vergaß diesen Quatsch. Denn eigentlich vergaß ich überhaupt alles in den ersten Monaten, die ich arbeitete. Vollkommen besessen und glücklich über einen großen Haufen Überstunden, arbeitete ich mich höchst ambitioniert und wahrscheinlich wenig zielgerichtet und natürlich megamäßig gut bezahlt durch die irrenhausartigen Strukturen der Agentur und den Praktikantendienst. Nach ein paar Wochen fielen mir auch die Worte meines Professors wieder ein. Als ich die Mittagspause mit dem Prototypen eines Beatles-Tshirts tragenden Werbetexters in einer agenturnahen Parkanlage verbrachte. Aber nach der Aufregung der ersten anderthalb Jahre Arbeitengehen, fing es natürlich an zu nerven. Aber leider kann ich nicht damit aufhören, weil ich viel zu feige bin. Aber das ist ja nicht mein Fehler. Es liegt einfach daran, dass ich nicht einer Ach-ich-kündige-und-mach-was-anderes-Generation angehöre. Welche auch immer das sein mag.

Ja. Ich gehöre zu dieser Generation, die sich durch Frauen auszeichnet, die viel zu große, bunte Portemonnaies benutzen und durch Männer, die ihr Geld nonchalant in die Hosentasche knüllen. Ja genau diese Generation, die ihre ganze Ausbildung lang durch alle Medien der Welt darauf vorbereitet wurde, sowieso niemals mit etwas anderem rechnen zu können, als mit einem Praktikum. Selbst wenn man sieben Millionen Pixel lang zur Uni gelatscht war. Daran liegt es. Deswegen kündige ich nicht einfach um etwas zu machen, was mir Spaß macht, weil ich denke, dass der Job, der ja nun noch nicht mal ein Praktikum ist, zu wertvoll wäre. Und deswegen geht es unter der Leitung von Kommandant Sprung-in-der-Schüssel (mir) weiter in die Agentur. Aber, Gott sei Dank, erst nach weitern eineinhalb Wochen Urlaub.

Oh jeh. Ohh jeh! Das einzige was ich hinkriege, ist die Simpsons nicht zu verpassen. Und eigentlich hab ich so viele Dinge, die ich erledigen wollte solange ich frei habe. Und wenn ich das dann geschafft habe (also die Simpsons zu gucken), ist der Tag ja auch immer schon fast wieder vorbei. Dabei stehen diese ganzen Sachen auf langen ToDo-Listen und schreien danach abgehakt zu werden. Jetzt fange ich schon an zu schummeln und schreibe auch so Zeug drauf wie zum Beispiel Zähneputzen. Das bringt zwar immer mal wieder ein Häkchen auf der Liste, was dann auch viel besser aussieht, als gar keine Häkchen, aber trotzdem stellt sich hinterher nicht dieses gute Gefühl ein wirklich was erledigt zu haben. Mein Gewissen wird von diesem unerledigten Kram leider die ganze Zeit unter Druck gesetzt. Es ist als müsste ich mich die ganze Zeit rechtfertigen. Als säßen ich und diese unsympathischen ToDo-Listen-Dinge, auf zwei Stühlen nebeneinander und jeder erklärt einem Therapeuten gegenüber, wiso er die Nase voll hat vom anderen.

Aber der Therapeut ist so ein langweiliger Typ, der immer nur lächelt und überhaupt nichts macht, wenn die ToDo-Listen rumschreien:

„Sie ist scheiße. Sie ignoriert uns einfach. Immer nur lesen und unnützen Kram ins Internett schreiben. Und in die Sauna und Klamotten einkaufen. Sowas geht! Aber um uns kümmert sie sich einfach nicht. Sie ist ein Faulpelz! Aber wir werden uns rechen! Bald wird Sie ihre Steuer dann einfach nicht mehr machen können!! Und sie wird sterben, weil sie nie zum Frauenarzt geht. Und die von der Arbeit werden sie feuern, weil sie viel zu faul ist, sich ein paar neue Ideen auszudenken, obwohl sie soviel frei hat.

Und dann fragt mich der Therapeut, was ich dazu zu sagen habe und ich kann nur antworten:

„Mein Problem ist, dass diese Sachen kein Interesse daran zeigen, keine Zeit mit mir zu verbringen.“

Der Tag nach dem Geburtstag

November 1, 2008

Als ich an diesem Morgen aufwachte, lagen links von mir zwei Leute in meinem Bett und rechts von mir Zwei und quer über unseren fünf paar Füßen, lagen auch noch zwei. Eigentlich hätte ich aufstehen wollen, weil ich dringend aufs Klo gemusst hätte, aber dafür war ich zu eingequetscht und zum Glück noch müde genug noch mal einzuschlafen.
Beim nächsten Mal Aufwachen, lagen nur noch drei Leute mit mir im Bett, weil die anderen inzwischen auf den Boden gerollt waren. Diesmal bin ich zum Klo gegangen, nicht ohne dass mir das Ausmaß der Verwüstung auf dem Weg dahin nicht aufgefallen wäre. Mit verschiedenen Gedanken wie man die Aufräumarbeiten am effektivsten organisieren könnte, schlief ich dann wieder ein.
Als ich dann noch mal aufgewacht bin, musste ich richtig Aufstehen. Zu wenig vorhandene Müdigkeit hätten ein weiteres Fluchteinschlafen vor dem Chaos unmöglich gemacht. Frierend stand ich vor den geöffneten Fenstern. Es war zwar kalt, stank aber trotzdem entsetzlich nach Rauch und Bier. Und bei dem Anblick der Wohnung gingen mir Schätzwerte von vier bis zwölf Stunden Aufräumen durch den Kopf. Das Chaos war zwar schon klar auf Höchstmaß einstufbar, mein körperlicher Zustand aber noch absolut unberechenbar. Und darauf kam es letztendlich an. Denn alle anderen waren jetzt schon weg.

Also fing ich nach einer sehr großen Dosis Aspirin an, vollkommen systemlos und durch sehr wenig zielgerichtete Handgriffe, irgendwie ansatzweise Ordnung herzustellen. Aber mit einem Rotwein-Bierrausch, den man sich durch kontinuierliches, stundenlanges Trinken langsam erarbeitet hat ist das natürlich viel schwieriger, als es eigentlich ist.
So bin ich einige Stunden wie eine epileptische Eidechse, die eigentlich dringend Medikamente bräuchte, durch die Wohnung gehuscht und dabei überall angestoßen. Aber das mit der Unordnung wurde dadurch trotzdem nicht viel besser. Dafür erschloss sich meinem benebelten Bewusstsein aber der Sinn von Oust und anderen Geruchsprodukten. Ja, es stank so abscheulich, dass ich sogar bereit gewesen wäre Räucherstäbchen oder Duftkerzen in meiner Wohnung zu entzünden. Aber so was hat man natürlich nicht. Denn normalerweise hat man ja auch nicht das Problem sich gegen eine Geruchskulisse durchsetzten zu müssen, wie sie normalerweise nur an Orten vorkommt, die Namen tragen wie Heikes Treff oder Mülheimer Eck.
Irgendwann, als es schon dunkel war, kam mir die Idee meine die Bettdecken von dem dreckigen Bettzeug zu trennen, wobei ich mich fragte, ob meine Freunde auch zu Hause mit Schuhen ins Bett gingen. Jedenfalls gelang es mir die ganzen Decken draußen auf dem Vorsprung der Feuerleiter zum Lüften aufzuhängen, was in meiner körperlichen Situation schon etwas Besonderes war. Das blöde daran war nur, dass ich nicht gemerkt habe, dass es kurz drauf anfing zu regnen. Irgendwie hatte ich langsam Lust diesen Ort des Grauens zu verlassen. Jetzt hätte man hier ja noch nicht mal mehr schlafen können.
Duschen vorher ging nicht, weil sich immer noch dreckiges Geschirr in der Dusche stapelte. Und ohne Duschen hätten auch frische Klamotten keinen Sinn gehabt. Also verließ ich das Haus mit dem roten Kleid, dass ich nun schon zum Feiern und zum Schlafen getragen hatte. Nur dass ich darunter noch eine Jogginghose und drüber eine Trainingsjacke und darüber noch einen Parker zog. Außerdem hatte ich in jeder Hand eine große Tüte voll leerer Bierflaschen. Jetzt hatte es sich doch gelohnt noch vom letzten Geld noch soviel Bier zu kaufen, denn so konnte ich die leeren Flaschen gegen Tiefkühlpizza eintauschen. Hätte man nur Rotwein getrunken, wäre das gar nicht möglich gewesen. Und mit der Pizza ging ich nun los die Leute aufzusuchen, die mit ihren Schuhen in meinem Bett geschlafen hatten.

Schokotrüffel

Oktober 23, 2008

Meine Oma ist Spezialist für jede Art von Kuchen, deren Herstellung aus Hefeteig erfolgt. Auch wenn es um komplizierte Handarbeiten geht, ist sie ein Vollprofi.
Was nicht so Ihr Ding ist, ist die Einschätzung der weltpolitischen Lage bezüglich der Finanzkrise. Ich hab davon ja auch keine Ahnung, aber trotzdem scheint es mir sinnlos, Pläne zu schmieden, wie man seine Kohle in Matratzen stopft.

Gerade habe ich drei Tage bei meinen Großeltern verbracht. Es musste mal wieder sein. Aber eins ist klar. Nie wieder, nie wieder werde ich in Zeiten allgemeiner Hysterie auf die Idee kommen, Leute zu besuchen, die über achtzig sind. Es war entsetzlich.
Da haben die den ganzen Tag Zeit, sich eine Gehirnwäsche durchs Fernsehen abzuholen und ich werde dann ununterbrochen damit vollgequatscht. Und nicht nur das. Bei einem Spaziergang durch den Hofgarten, wo ich sowieso sonst auch nicht rumspazieren würde, fingen die beiden gebrechlichen Alten (meine Großeltern!!) auch noch an Leute anzupöbeln. Ja. Und zwar den vermeintlichen Feind: den „gierigen Bänker“. Klar! Und wie sieht so ein „gieriger Bänker“ aus. Ist doch logisch: Der trägt einen Anzug. Jedes Mal wenn uns jemand im Anzug entgegenkam, blickten diese beiden Halbirren (meine Großeltern!!) diese Person aus grimmig verzerrten, faltigen Gesichtern an und schimpften laut vor sich hin: „Jetzt schau sie dir an! Diese Geier. Die machen alles zur Nichte!“
Ja. So war das. Ein paar Tage in München bei Oma und Opa. Und genauso gut zielsicher wie die Beiden die Finanzkrise beurteilen, so sicher sind sie sich auch hinsichtlich meines Geschmacks. Die wissen ganz genau was ich brauche. Zum Geburtstag, der jetzt ansteht, habe ich einen überdimensionalen, bestickten Wandteppich mit Häusern drauf bekommen. Und dazu eine Packung Trüffel. Schokotrüffel wären ja in Ordnung. Aber statt dass sie mir für fünf Euro ein paar solche Dinger schenken, kaufen sie für fünf Euro fünfzig davon. Und wollen mir die dann auch noch als was ganz Besonderes andrehen. Sie sind wahnsinnig. Vollkommen durchgeknallt.