Generation Pappkarton

November 5, 2008

Da ich gestern Abend Hunger hatte, beschloss ich etwas zu essen. Leider wäre es nötig gewesen das Geschirr abzuwaschen, um selber etwas herzustellen.  Deswegen entschied ich mich für den einfachen und leckeren Weg. Pizza holen.
Der Regen tropfte nun auf den warmen, gut nach Knoblauch und Pappe duftenden Pizzakarton, den ich vor mir her trug. Und es war dunkel. Genau richtig. Wenn man klamottenmäßig ungefähr so wie die Mutter der Flodders durch die Gegend zieht, fühlt man sich wohler, wenn´s nicht so hell ist. Gemütlich dachte ich so vor mich hin. Und bei der genaueren Betrachtung der Situation, fand ich es schade, dass man eine Wohnung, die einem gerade auf die Nerven geht, einfach so verlassen kann, aber eine Werbeagentur in der man arbeitet und die einen noch viel mehr Nerven kostet, als etwas Dreck in der Wohnung, nicht. Ich fragte mich wiso ich nicht von dem Dreck in meiner Wohnung bezahlt werde, statt für den Dreck, den ich bei der Arbeit mache.

Und dann dachte ich darüber nach, wie es alles angefangen hatte und dass ich da eher unabsichtlich reingestolpert war. Eigentlich, weil es die nahegelegenste Möglichkeit war Geld zu verdienen nach dem Studium. Von meinem Ersten Tag an der Uni bis zum Diplom steigerte sich die Leistung von Digitalkameras von einer Million Megapixeln auf sieben Millionen Megapixel.  Und nach dieser langen Zeit verabschiedete mich mein Professor mit einem irgendwie wie ich finde, na sagen wir mal, unüblichen Satz, in das Leben, was sich durch ein festes Monatseinkommen auszeichnen würde. Er sagte: „So. Und dann tun Sie mir mal einen Gefallen: Dann lassen Sie sich bitte nicht schwängern. Das ist nämlich eine Werbeagentur.“
Der hat sie ja nicht mehr alle, dachte ich und vergaß diesen Quatsch. Denn eigentlich vergaß ich überhaupt alles in den ersten Monaten, die ich arbeitete. Vollkommen besessen und glücklich über einen großen Haufen Überstunden, arbeitete ich mich höchst ambitioniert und wahrscheinlich wenig zielgerichtet und natürlich megamäßig gut bezahlt durch die irrenhausartigen Strukturen der Agentur und den Praktikantendienst. Nach ein paar Wochen fielen mir auch die Worte meines Professors wieder ein. Als ich die Mittagspause mit dem Prototypen eines Beatles-Tshirts tragenden Werbetexters in einer agenturnahen Parkanlage verbrachte. Aber nach der Aufregung der ersten anderthalb Jahre Arbeitengehen, fing es natürlich an zu nerven. Aber leider kann ich nicht damit aufhören, weil ich viel zu feige bin. Aber das ist ja nicht mein Fehler. Es liegt einfach daran, dass ich nicht einer Ach-ich-kündige-und-mach-was-anderes-Generation angehöre. Welche auch immer das sein mag.

Ja. Ich gehöre zu dieser Generation, die sich durch Frauen auszeichnet, die viel zu große, bunte Portemonnaies benutzen und durch Männer, die ihr Geld nonchalant in die Hosentasche knüllen. Ja genau diese Generation, die ihre ganze Ausbildung lang durch alle Medien der Welt darauf vorbereitet wurde, sowieso niemals mit etwas anderem rechnen zu können, als mit einem Praktikum. Selbst wenn man sieben Millionen Pixel lang zur Uni gelatscht war. Daran liegt es. Deswegen kündige ich nicht einfach um etwas zu machen, was mir Spaß macht, weil ich denke, dass der Job, der ja nun noch nicht mal ein Praktikum ist, zu wertvoll wäre. Und deswegen geht es unter der Leitung von Kommandant Sprung-in-der-Schüssel (mir) weiter in die Agentur. Aber, Gott sei Dank, erst nach weitern eineinhalb Wochen Urlaub.