Finanzamt

November 14, 2008

Vielleicht war es doch zu was Nütze; das ganze Studium. Ich hab zwar keine Ahnung was der Typ gemacht hat, um sich die Qualifikation zu erwerben im Finanzamt in einem gelblichen Raum zu sitzen, der natürlich durch eine dezente SWR1-Geräuschkulisse hinterlegt sein muss. Aber ich würde nicht gerne tauschen. Dieser Mann leidet jetzt richtig. Sein Räumchen ist zwar erheblich kleiner, als 75 Quadratmeter, und es wird dort noch nicht mal gekocht oder gegessen, aber Rauchen darf der arme Mensch dort trotzdem nicht mehr. Obwohl das geruchsmäßig nicht relevant wäre. Denn bis der Dunst dort irgendwann aus den Wänden, den Gardinen und den graugrünen Teppichen gekrochen wäre, müssten mehrere Jahrzehnte vergehen. Und dieser arme Mann sitzt nun da und zuckt vor Aufregung im zehn-Sekundentakt mit seinen Lidern, weil er am Tag vielleicht mal ein oder zwei Streuererklärungen entgegennehmen muss und solange dann nicht raus und rein rennen kann, um zu Rauchen. Das ist dann sehr ärgerlich für ihn. Glücklich ist er erst wieder, wenn sich die Bürotür hinter so einem nervigen Rauchzeitverkürzer, der seinen Haufen ungeordnete Steuerangelegenheiten auf die vergilbte Resopalplatte des Schreibtischs gelegt hat, endlich wieder schließt. Dann atmet er tief durch. Und während seine Lungen so klingen wie ein Würfelbecher, wirft er mal schnell einen Blick auf die Wanduhr, die paradoxerweise eigentlich eine überdimensionale bunte Armbanduhr ist, obwohl sie ja an der Wand hängt. Für diese verrückte Uhr bräuchte man Handgelenke so dick wie Traktorreifen. Von diesem kleinen Scherz der Wanduhrengestalter der achtziger Jahre, liest er dann erleichtert irgendeine Uhrzeit ab und denkt erleichtert: „Hach, genau der richtige Zeitpunkt um eine Rauchen zu gehen.“
Wenn aber genau dann ein leises Klopfen an seiner Tür zu hören ist und sich genau dann vorsichtig die Tür öffnet… weil sich genau dann jemand eingefunden hat, um ausgerechnet jetzt die zweite Steuerklärung anzuschleppen, die im laufe des Vormittags abgehandelt werden muss. Ja dann ist es auf jeden Fall der falscheste Zeitpunkt, der von einer gigantischen Monumentalarmbanduhr jemals abgelesen wurde. Ich glaube, dass ich nie eine genervtere Person in meinem Leben gesehen habe, als diesen älteren Mann im Finanzamt heute. Man weiß jetzt nicht wie viel mich das Kosten wird die Nummer 213 gewesen zu sein. Das war die Nummer auf dem Zettel den ich aus dem Wartenummernautomat gezogen hab, obwohl gar keine Leute da waren, weswegen man hätte warten müssen. Aber die Nummer musste schon gezogen werden, weil man ohne Nummer nicht dran kommt. Klar.
Jedenfalls hatte ich das Gefühl, als ich den Raum Nr. 1 betrat, dass es auf jeden Fall gut ist die Klappe zu halten und zu warten, was der zuckende und röchelnde Finanzbeamte sagt. Und wenn er eine Frage stellt, dann lieber nur ganz kurz und knapp antworten, dachte ich mir. Und dann habe ich auch lieber auf alle Fragen verzichtet, die ich zu den Rechnungen hatte, die in der Anlage N nicht standardmäßig aufgetaucht sind. Wirklich. Es kam mir so vor, als quälte ich ein Tier. Durch meine bloße Anwesenheit.
Wahrscheinlich hätte ich noch ein paar Euro herausschlagen können. Aber nicht durch wortloses Anstarren des Wasserspiels auf der Fensterbank. Dieses stand neben ein paar armseligen Grünpflänzchen, die ihr Leben in Hydrokultur verbringen müssen und deren Chlorophyll durch das Einatmen unendlicher Mengen Reval ohne Filter in den letzten dreißig Jahren vermutlich so toxisch ist, dass man daraus ein hochwirksames Massenvernichtungsmittel herstellen könnte.
Jedenfalls hab ich jetzt die Steuerklärung hinter und außerdem kommt es mir so vor, als gäbe es Leute, die mit noch wesentlich mehr Widerwillen jeden Tag zur Arbeit gehen als ich. Und dass es noch wesentlich härtere Ausmaße von Bürodunst gibt, als den der entsteht, wenn der Artdirektor gegenüber sein Sportzeug auf der Heizung trocknet. Hab ich das gut! Eigentlich.